Schwarze Fahne

Schwarze Fahne

„Es ist nun schon 50 Jahre her“, erinnert sich Ursula Schmidt. 




Die Rauensteiner Seniorin weiß heute noch, wie die jungen Leute aus Rauenstein sich die Kerwa nicht einfach vom Parteisekretär verbieten ließen. Zu den Geschehnissen hatte sie schon 2015 ein Gedicht im Rauensteiner Dialekt (siehe unten) verfasst und ihrem Bruder, Franz Müller, zu seinem 65. Geburtstag geschenkt, denn der war auch mit dabei. Dem SED-Chef vom damaligen VEB Industriewerk Rauenstein habe es nicht gepasst, dass die eigenen Tochter mit beim Kirchgang der Plantanzpaare dabei sein sollte. „Da hat er kurzerhand den Kirchgang verboten“, weiß Franz Müller. Das wichtigste Fest im Ort und dann noch verbunden mit kirchlicher Tradition, das ging 1971 ganz und gar nicht.

Die Kerwa, die ja auch im Namen schon den Bezug zur Kirche in sich birgt, war den DDR-Funktionären schon länger ein Dorn im Auge. Ausführlich berichtet darüber die Kirchenchronik. Seit 1959 sei Druck auf die jungen Leute ausgeübt worden, den Kirchgang zur Plankirchweih doch bitteschön zu lassen. Doch gut ein Jahrzehnt hielt man durch und feierte in Rauenstein die gewohnte Plankerwa – mit Kirchgang. 1971 sollte sich das ändern. In der Kirchenchronik steht dazu: „Als gesellschaftlicher Träger zeichnete für die Kirchweih die Musikgruppe des Werkzeugmaschinenbaukombinats (WMBK) Rauenstein. Hier setzte nun die Parteileitung den Hebel an, indem man die Paare überzeugen wollte, dass eine Musikgruppe, die die Feierlichkeiten für den 25. Jahrestag ausgestaltete, nicht zur Kirchen ziehen kann.“ Die jungen Leute seien einzeln zu Aussprachen eingeladen worden. Die Angriffe auf den Kirchgang hätten sich dann so verschärft, bis die Burschen allesamt ihre Hüte niederlegten und erklärten, unter solchen Umständen keine Kerwa mehr feiern zu wollen.


Große Empörung


Die Empörung im Dorf war groß. Auch Franz Müller kann sich noch daran erinnern, was nun folgte. Kurzerhand habe er sich mit noch einem anderen jungen Rauensteiner entschlossen, kurz nach 21 Uhr den Turm zu ersteigen und dort eine schwarze Fahne zu hissen. Die „Fahne“ sei ein Konfirmandenröckchen einer Rauensteinerin gewesen. „Kerwa adé“, haben sie draufgeschrieben, kann sich Schmidt noch erinnern – und auch an die Aufregung danach. Pfarrer Herbert Bach habe man nötigen wollen, Anzeige wegen Hausfriedensbruch gegen die jungen Leute zu erstatten, was der nicht tat.

Indessen fiel die Kerwa aus und in den nächsten Jahren wurde das Fest „umgetauft“ zu den „Dorffestspielen in Rauenstein“. Einen Kirchgang habe es – offiziell – nicht mehr gegeben. „Im regulären Gottesdienst saßen dann aber immer wieder ein paar junge Leute drin“, bemerkt Schmidt. Aber dann sei auch die Kirche auch lange geschlossen gewesen, weil es größere Bauarbeiten gegeben habe. Nach der politischen Wende hatte es nicht lange gedauert und die Kerwa in traditioneller Form war wieder da – mit Waldfest an den Herrenteichen zur Himmelfahrt und Plantanz über Pfingsten. Nun müssen heuer – diesmal wegen Corona – die Rauensteiner schon das zweite Mal auf die Plankirmes verzichten. Das habe aber nun andere Gründe meint Schmidt und ist optimistisch: „Die Kerwa ist eben nicht totzukriegen.“

„Bei de Kerwá gett ölles sein gerecheltn Gang“


Kerwa adé, von Ursula Schmidt


Gedanken an die Himmelfoart vur genau 50 Joarn,

ze oomt beim Kaspe hots á äne gsocht -

de Pááleskárchgang werd an de Kerwá vebotn,

de Achim un de Franz hamm suwiesu schó gekocht.


Hääm sensá, dös schwoarz Röcklá van de Ute woar

suwiesu ze klä, weißá Foarb woar noch doo -

uff Ümwáchn übern Foarschthaus sensá nauf de Kárch,

á Taschnmesse muss me ja eischtáckn hoo.


An dánn Äná Fánste woar schó lang á Papp,

schmol genuch woarn die Zwä á -

a poar Stufn, owe noch de Oarchl woarsch im Glocknturm knapp,

exzälläntá Klättekünst musstn há.


Su van Balkn zu Balkn un dann dánn klänn Fánstelá naus -

sis net leichte wurn übe de Kuppl, gedacht hamsá,

hoffntlich helt uns dá Blitzleite aus.


Sis gut gang, dá Papp kam untn an Fánste á widde na -

á wennsá schpáte dös Gloos solltn bezool,

de Pfoarrá Bach hielt Gott sei Dank sállá o dodeva.

In náchstn Dooch, me söllts net mää -

á Fahnáaufruhr in dáre Gemää.


Jede wollts sáh, entwedde hatte án Blick -

odde á musst halt lááf á kläss Stück.


Worümm, un wie, ha wenn, un net zeletzt wáá?

Dös frechtn sich öllá, öb Maa odde Fráá.


Rund geloffn sänn die Öbeschtn un die Partei -

swoar noch net do, sich aufrech, wos mach, dös daff doch net sei.


Á poar Dooch hot sá künn gflatte, ve söttá Leut á Grimm -

owe die Drehlätte van de Feuerwehr hat känn Platz

un die Olmeschwinde Doochdecke wolltn widde gut runter kumm.


S woar wie á Krimi dennooch -

die falschn vehört un nooch die Rädlsführe gsucht,

bis die Zwä, su van Weitn, beänd hamm die Blooch.


Dös Sumbárche Gerecht woar noch human,

stufts als Nichtichkät ei -


Owe bei die Erfurte woarsch politisch, mussts geschtrooft wa.

Auße Gáld, gerett, hot sá ihr weißa Molerei.


Un zu de Kerwá, ohná vill Aufwand, owe wache de Tradition,

sänn sá mitn Pfoarrá nei de Kárch, jedes Poar -

wann sá á aköart hamm, un zu die Dorffestspiele, jedes Joar.


Vebiet kunntn ses net, á wenn sá vierstellich gschmiert hamm -

desme in Heinznsaal in Sunntich zefrüh

sei Zeit vill schönne vebräng kann.


Sis lang há, 50 Joar kummá zamm -

die Wált hot sich veändert, bei de Kerwá

gett ölles sein gerechltn Gang. (Nooch Corona widde)



Quelle: https://www.insuedthueringen.de/inhalt.zeitgeschichte-die-kerwa-ist-nicht-totzukriegen.f895a16f-7d53-499d-89b9-d930258afadc.html


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